Wo? Wie?
SZ-Magazin Heft 38 / 2007
Einmal über Los gehen, schon kassiert man 200 Euro, zumindest in der Berliner Version des Brettspiels Monopoly .
Allerdings verliert man das Geld – wenn es einem wie mir geht – gleich wieder am Messedamm: an seinen raffgierigen Sohn, der auf dem schäbigen, aber lukrativen Grund ein Hotel gebaut hat. Heißt der Spieler Klaus Wowereit, verläuft das Berliner Monopoly viel entspannter und ist in Wahrheit gar kein Spiel, sondern eher ein Lebenslauf: Er würfelt, entflieht dem überfüllten Mietshaus in Lichtenrade, in dem er aufwuchs, geht nicht ins Gefängnis, verscherbelt mit zunehmender Machtfülle die Flughäfen Tegel (200 Euro Miete) und Tempelhof (200 Euro), lässt Hartmut Mehdorn den Bahnhof Zoo verstümmeln und zieht mit seinem Lebensgefährten in eine Wohnung am Kurfürstendamm (350 Euro).
Denn Klaus Wowereit ist der Homo ludens, der Spieler, der König des Berliner Monopoly, der Regierende Zocker der deutschen Hauptstadt. Und – fatale Ver- suchung, der alle Glücksspieler der Welt erliegen – er möchte seinen Gewinn mehren, will den Spielplatz Berlin verlassen, der ihn nicht länger fesselt, und hinüber in die Bundespolitik wechseln, wo sich die großen Jungs tummeln.
Diese Woche erscheint die Wahlkampfbiografie, sie drückt kräftig auf die nationale Tränendrüse: Junge ohne Vater, geboren in Armut, der erste seiner Geschwister, der studieren durfte; Mann mit Herz und einer Leidenschaft für moderne Linkspolitik; ein Mann, der etwas bewegen möchte. Kommt einem das nicht bekannt vor? Gewiss doch. Gerhard Schröder durchlief einen ähnlichen Prozess der Neu-Erfindung, auch Bill Clinton und eine Vielzahl von Politikern, die ihre Kindheit in Armut vermarktet haben, um sich den Weg ins höchste Amt zu ebnen. Wowereits Überzeugung, dass Berlin zu klein für ihn ist, für einen Mann mit seinen Talenten, hat über Jahre hinweg Gestalt angenommen. »Klaus begann etwa 2003, das Vertrauen in Schröder zu verlieren«, erklärt ein ehemaliger Freund. »Gerd verlor Landeswahlen, drückte die Agenda 2010 durch und wurde von Müntefering abhängig. Da dämmerte es Wowereit, er sei besser für die Aufgabe geeignet.« Wie der frühe Clinton, der frühe Schröder und wie sein Idol Willy Brandt ist Wowereit ein politischer Abenteurer. Ebenso weicht er in sexueller Hinsicht von der Norm ab, umging jedoch clever die Gefahr eines politischen Angriffs, indem er sich mit dem einzigen denkwürdigen Satz, den er je von sich gegeben hat, selbst outete: »Ich bin schwul, und das ist auch gut so.« Clinton und Brandt hatte ihr Sexualleben noch in tiefste Bedrängnis gebracht.
Aus rührend ärmlichen Verhältnissen stammend, entwaffnend offen betreffs seines sexuellen Nonkonformismus, locker im Umgang mit Menschen – und dazu in der Lage, die Linken zu zähmen oder zumindest im Zaum zu halten: kein anderer deutscher Sozialdemokrat fällt heute so sehr in die Kategorie »Kanzlermaterial« wie Wowereit. Und so erhaschen die Berliner Momentaufnahmen ihres Bürgermeisters, die nur mit einer ausgemachten Midlife-Crisis oder wachsenden politischen Ambitionen erklärbar sind: Wowi, wie er einem Ackergaul gleich auf dem Crosstrainer im Aspria herumstampft, einem Berliner Fitnessstudio von solcher Exklusivität, dass die Mitglieder am Schwarzen Brett ihre Cartier-Uhren zum Kauf anbieten. Wowi, der im KaDeWe Anzüge befühlt. Wowi, wie er im »Niko’s«, einem griechischen Restaurant fernab der schicken Gäste und Klatschmäuler aus Berlin-Mitte, mit einem PR-Fachmann tuschelt. Bei den Älteren klingelt es jetzt vielleicht. Richtig, da gab es doch mal einen Moritz Hunzinger, der Rudolf Scharping für die Kanzlerkandidatur neu definierte: Armani-Brille, neue Krawatten, und ja die Quittung fürs Finanzamt aufheben!

