“Acker” kann nicht anders
Vanity Fair Online , 18. Januar 2008
Er macht wieder Wahlkampf für die SPD. Aber was will der Altkanzler? Ganz einfach: seine Männlichkeit beweisen.
Er ist noch immer leichtfüßig. Auch mit 63 zeigt sich Gerhard Schröder – "Acker", wie ihn seine Mannschaftskameraden früher nannten – als Fußballer. Als einer, der weiß, wie man Tore schießt. Aber wenn man ihn sich genau ansah, wie er in der vergangenen Woche in Hamburg das Podium erstieg, um für den ortsansässigen SPD-Kandidaten Michael Naumann Wahlkampf zu machen, dann merkte man, dass er nie die Statur für einen Star auf dem Rasen hatte. Die Beine sind zu kurz, der Leib ist zu gedrungen, und wenn er sein Sakko auszieht, sieht man durch die Schweißflecken auf seinem Hemd zwei männliche Brüste.
Wir Briten nennen das "Moobies", als Abkürzung von "male", männlich, und "boobies", Titten. Moobies wachsen, wenn Politiker Macht verlieren. Das Testosteron fällt. Unter allen Politdinosauriern der letzten Zeit (Helmut Kohl ist ein Sonderfall) hat Tony Blair die größten Moobies. Putin hat bezeichnenderweise gar keine.
Es ist ein pures Zeichen der Hilflosigkeit der SPD, dass Gerd Schröder mit Moobies wieder den wilden Stier der deutschen Politik geben kann. Zwei Jahre Große Koalition haben die Sozialdemokraten kastriert. Das kann man in Hannover sehen, wo sich SPD-Spitzenkandidat Wolfgang Jüttner schlaff für sich selbst entschuldigt.
Oder in Hamburg, wo Naumann – ein beredter Geistesmann, dessen kraftvollste Leibesübung der Zug an der Zigarette ist – die Arme hochreißt und zweihändige Victory-Zeichen macht. Die Geste hat er von Schröder geliehen. Bloß dass Naumann dabei wie ein verzweifelter Matrose aussieht, der SOS signalisiert. Nur Schröder kann seine Physis so in einen Saal projizieren.
Schröders Rückkehr ist verwirrend für alle, die die SPD immer noch für eine echte Partei gehalten haben. Hatte Schröder die Politik nicht reuelos verlassen, um reich zu werden? Er gab sein Bundestagsmandat ab, wurde Russlands Top-Lobbyist in Deutschland, veröffentlichte erwartbar unlesbare Memoiren und wurde Berater eines Medienkonzerns sowie einer Bank.
Alles ging so schnell, dass sein post-politisches Leben schon seit Langem geplant schien. Und jetzt ist er wieder da – nicht nur in Hamburg und Niedersachsen, sondern auch für den langen Weg zur Bundestagswahl 2009. Die SPD, von der Großen Koalition verblödet, von Merkel entmannt, zählt auf "Ackers" knallharten Bumms. Er weiß, wie man gewinnt. Er ist der Terminator.
Die Medien hatten ihn schon abgeschrieben, wegen seiner vulgären Liebe zum Geld, seiner Weigerung, Staatsmann zu werden. Aber dies ist die Ära der Stillosigkeit. Frankreichs Präsident Sarkozy lenkt mit Ray-Ban-Brille und neuer Frau von seiner Scheidung ab. Putin lässt sich mit nacktem Oberkörper abbilden. Dagegen wirkt Schröder geradezu würdevoll. Immer mehr Deutsche akzeptieren die Begründung für seinen Job bei Gazprom: dass Patriotismus ihn dazu trieb, Deutschlands Energieversorgung zu sichern.
Doch bei Schröders Rückkehr geht es um reine Biologie. Die SPD will einen Gladiator, der es mit dem Alphatier Roland Koch aufnehmen kann. Das ist der erste Schritt, um Angela Merkel’s Autorität zu untergraben. Die Logik der SPD ist noch immer traditionell männlich: Nur ein Mann kann einen Mann besiegen, und Gerd ist der letzte, der – derb ausgedrückt – noch Eier hat.
Die erwartete Entschröderisierung der SPD nach der Bundestagswahl 2005 fand nicht statt. In Wahrheit gab es zum Schröder-Netzwerk mit Figuren wie Steinmeier und Müntefering keine Alternative. Schröder hatte sich Feinde gemacht, aber mit der Agenda 2010 und der Ablehnung des amerikanisch geführten Irakkriegs hatte er Führungskraft bewiesen. In den Augen der SPD hat von beidem Angela Merkel profitiert, ohne jemals geführt zu haben. Verständlich, dass die Partei Schröder braucht. Aber was hat er selbst von seinem Comeback? Dass er wieder Kanzler wird, ist unvorstellbar.
Die Antwort lautet wieder: Biologie. Schröders politische Laufbahn ist eine einzige Suche nach dem Wesen des Mannseins. Weil sein Vater an der Front gefallen war, wurde Schröder der Leitwolf seiner Familie. Wie sich sein Halbbruder Lothar Vosseler erinnert: "Meine Schwestern, inzwischen recht hübsche Teenager, wurden von ‘Acker’ wie von einem Hofhund bewacht." Umgeben von Frauen, war Schröder entschlossen, seine Männlichkeit zu beweisen – auf dem Fußballplatz, in der Kneipe, bei Juso-Sitzungen. Der Dreh, den er der Trennung von seiner dritten Frau Hillu gab, war typisch: Sie war sauer, weil er mit seinen Kumpels saufen ging, und zwang ihn auch noch dazu, seine Currywurst heimlich zu essen. Ein echter Mann lässt das nicht mit sich machen. Natürlich waren die wahren Gründe etwas komplexer. Aber Schröder musste sein Image als steinzeitlicher Fleischfresser wahren.
"Er hat etwas beinahe Italienisches", sagt jemand, der ihn aus seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident kennt. "Im August fliehen Italiens Ehefrauen vor der Hitze aufs Land, und schon Wochen vorher tönen ihre Männer, wie sie in der Zeit sämtliche Sekretärinnen und Nachbarinnen beglücken werden. In Wahrheit sitzen sie dann zu Hause rum, schauen DVDs und sind fürchterlich einsam. So ist Gerd. Er träumt frustrierte Träume." Darüber hinaus weist Schröder natürlich noch andere Ähnlichkeiten mit dem Klischee des italienischen Mannes auf: Er ist ein Mamasöhnchen, lässt sich gern bedienen und ist unheilbar eitel.
Diese Eitelkeit ist es auch, die ihn wieder ins Wahlkampfgetümmel treibt. Ruhestand wäre für ihn Identitätsverlust. "Was er am meisten genießt, ist der Moment nach einer Parteiveranstaltung, wenn er mit Freunden zusammensitzt, bei einem Wein und einer Zigarre, und auf der anderen Seite des Raums den bewundernden Blick einer Frau bemerkt", sagt ein Freund aus Niedersachsen.
Das ist der Moment der Freiheit vom Matriarchat, wenn er Mann unter Männern ist. Ich erinnere mich, wie ich ihn vorigen Herbst mit seiner kleinen Tochter Viktoria im KaDeWe in Berlin sah. Sie schleifte ihn die Rolltreppe runter und rief: "Das Kleid will ich haben!" Es war rosa. Die Leibwächter kicherten, und in Schröders Gesicht sah man endlose Frustration darüber, dem Geschmacksdiktat einer jungen Dame gehorchen zu müssen.
Frauen mögen Schröder. Nicht Beck oder Steinbrück oder Gabriel. Zum Teil ist es die Bewunderung der Frauen, die ihm fehlt und die ihn in die Politik zurückrobben lässt. In ihrem Buch "Anleitung zum Männlichsein" fragen Stephan und Andreas Lebert Frauen danach, was sie von einem Mann wollen. "So ein Kümmerer darf er nicht sein, so einer, der immer fragt, wie geht’s dir, und das Haltbarkeitsdatum der Joghurts im Blick hat, bloß nicht. Gefühle und Schwächen soll er zeigen, aber bitte kein Softie, nein, das ist das Schlimmste, auch keine Plaudertasche, nee, nee, nur das Gespräch, das ist schon das Wichtigste, ach ja, und Humor natürlich, und irgendwie schon, so ein Cowboy."
So ein Cowboy. Das ist mehr oder weniger die Beschreibung von Gerhard Schröder. Es ist vielleicht schwer zu verstehen, aber Schröder ist immer noch das männliche Idealbild für viele deutsche Frauen. Kein Zweifel: Der ehemalige Kanzler vermisst sie. Das Testosteron ruft.

